Magdalenas Lebensgeschichte

Als Magdalena Guttenberger 17 Jahre alt war, begann sie Fragen zu stellen.

Antworten bekam die Romni von ihrer Mutter und Menschen mit einem „Z“ und einer Nummer auf dem linken Unterarm. Schreckliche Antworten. „Warum hast Du mir das noch nie erzählt?“, fragte die Tochter damals. Und ihre Mama sagte: „Weil ich nicht wollte, dass auch Du für immer in Angst lebst.“ Bald feiert Magdalena Guttenberger ihren 60. Geburtstag und weiß, wie berechtigt die Bedenken ihrer Mutter waren. Die beiden Frauen wohnen heute zusammen mit Magdalenas Mann Julius, einem ihrer Söhne und Enkel am Ravensburger Stadtrand. Hier, im Ummenwinkel, pferchten 1937 die Ravensburger Verantwortlichen die „Zigeuner“ der Stadt in 14 Baracken und bauten einen eineinhalb Meter hohen Zaun um die Siedlung. Am 13. März 1943 wurden 35 Bewohner ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau abtransportiert und 29 von ihnen ermordet. Die Nationalsozialisten vergasten sie oder sie starben an Mangelernährung, Misshandlungen, Krankheiten.

Schätzungen zufolge brachten Adolf Hitlers Gefolgsleute im Dritten Reich bis zu 500.000 Sinti und Roma um. Für die Nazis waren diese Frauen, Männer und Kinder minderwertige Lebensformen, die es wie die Juden auszurotten galt. Magdalena Guttenbergers Schwiegervater Julius war einer der 35 Ravensburger Sinti. Er überlebte und erzählte ihr, wie die Ravensburger Nazis die Sinti nach der Zwangsansiedlung im Ummenwinkel schikanierten – und zum Beispiel mit Gewehren alle Hühner und Hunde erschossen. Auch an jenen 13. März erinnerte sich der Sinto genau. „,Die Gestapo kam wie aus dem Nichts, Magdalena‘, hat er gesagt, ,du legst dich schlafen, denkst noch, morgen musst du wieder zur Arbeit in die Matratzenfabrik, und dann tritt jemand auf einmal in aller Früh die Tür ein.'“ Die rund 100 Bewohner mussten sich vor den Baracken aufstellen, Mitarbeiter der Geheimen Staatspolizei wählten 35 aus. Dabei rissen sie viele Familien auseinander, verhafteten einen Bruder und ließen die Schwester da. Die im Ummenwinkel verblieben, wurden später zum Teil zwangssterilisiert. Mit der zur Verladung in Sonderzüge nach Stuttgart endete der Bericht des Schwiegervaters. Was danach geschah, brachte er bis zu seinem Tod nie richtig über die Lippen. „Acht Mal hat er es versucht“, sagt Magdalena Guttenberger, „aber er brach immer so in Tränen aus, dass er gesagt hat, lassen wir es.“

Wie es in Auschwitz-Birkenau war, erfuhr sie von ihrer Schwiegermutter Martha. Diese wurde im Frühjahr 1943 mitsamt ihrer Familie in Mosbach verhaftet. In Auschwitz stach das Personal ihr die Nummer 5656 in den Unterarm mit einem „Z“ für „Zigeuner“ davor. Im Lager musste sie auf Kinder aufpassen. „Jede dieser ,Kindergärtnerinnen‘ betreute da ständig 50 Mädchen und Jungen, deren Eltern schon tot waren“, sagt die Schwiegertochter. „Die Kinder bekamen immer wieder tödlich hohe Dosen Fluorid in den Joghurt reingespritzt und starben eines nach dem anderen. Bis zu ihrem Tod 2009 träumte meine Schwiegermutter von diesen Kindern.“ Magdalena Guttenbergers Mutter, eine Romni aus der einstigen Tschechoslowakei, sollte ebenfalls 1943 nach Auschwitz. Nur wegen Transportproblemen landete sie mit ihrem Bruder und der Mutter in einer Art Bunker bei Bratislava. „Etliche starben da drin“, sagt Magdalena Guttenberger. „Ab und zu ging eine Deckenluke auf und jemand schmiss altes Brot hinunter. Dabei verletzte sich einmal ihre Mutter. Sie erkrankte an Typhus und starb. Ihr Bruder hat diese Brotszene nie verwunden und sich später mit Gas das Leben genommen.“ Nicht nur den damals verfolgten Sinti und Roma fällt es schwer, diese unfassbaren Gräueltaten zu verarbeiten – auch ihre Nachkommen leiden unter diesem Völkermord. „Die Angst unserer Eltern hat sich auf uns zum Teil übertragen“, sagt Magdalena Guttenberger. „Ich und auch mein Mann Julius sind mit der ständigen Ermahnung groß geworden: ,Pass auf Dich auf!‘ Und als ich dann erfuhr, was man ihnen angetan hatte, hat sich das noch verstärkt. Wir sind psychisch angeschlagen, vor allem was Sicherheitsbedürfnis betrifft.“ Das merkt sie immer wieder. Bei Polizeikontrollen bekommt sie grundlos große Angst. Als im Bundestagswahlkampf 2013 in der Ravensburger Gegend NPD-Plakate hingen mit dem Slogan „Geld für die Oma statt für Sinti & Roma“, wurde sie krank und verbot ihren Söhnen abends auszugehen. „Ich habe angefangen zu weinen und zu schreien, weil ich Angst hatte um ihr Leben.“

Magdalena Guttenberger kämpft auf ihre eigene Art an gegen diese Angst. Seit Jahrzehnten setzt sich die Deutsche dafür ein, die Verständigung zwischen der „Mehrheitsbevölkerung“ und den 70.000 Sinti und Roma in Deutschland zu verbessern. Dafür arbeitet sie etwa im „Arbeitskreis Sinti/Roma und Kirchen in Baden-Württemberg“ oder spricht vor Schulklassen. Die Erzieherin erkennt Fortschritte im Miteinander – aber nur kleine und langsame. Viele Jahre hat sich für die Sinti in Ravensburg niemand interessiert, die nach dem Krieg weiter im Ummenwinkel lebten. Bis in die 80er wohnten sie in den 1937 erbauten Baracken ohne fließend Wasser. „Dann setzten sich zum Glück zwei Frauen für bessere Wohnbedingungen ein, Ingeborg Geddert und Margarete Keddig. Dafür sind wir ihnen bis heute dankbar.“ Erst in der 90ern wurde die Geschichte der Sinti-Verfolgung in Ravensburg systematisch aufgearbeitet und 1999 ein Mahnmal in der Innenstadt errichtet. Das sei natürlich positiv, wie auch das es etwa mit dem Ulmer Pfarrer Andreas Hoffmann-Richter jetzt einen Beauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma gibt, sagt sie. „Aber wenn ich diese Pegida-Demonstranten höre und an die NPD-Plakate denke, dann macht mir das immer noch Angst.“ Sie hofft, dass zumindest die Enkel ihrer Kinder einmal ohne Angst in Deutschland leben.